Die St.-Georgs-Kirche zu Poppenweiler

Loblied von Pfarrer Hermann Otto Seeger zum 500-Jahr-Jubiläum 1928:

“Was hat unser Turm in dieser langen Zeit alles geschaut und wie viele haben an ihm emporgeblickt! Welche Menge von Zeit, Mühe und Geld haben unsere Vorfahren geopfert, um ihre Kirche zu bauen und nach stürmischen Zeiten der Zerstörung immer wieder herzustellen!
Weit grüßt der Turm hinaus in unser schönes Heimatland. Die Kinder des Dorfs, welche in die Ferne ziehen und sich noch einmal umwenden auf dem Weg, nehmen sein Bild im Herzen mit ins fremde Land, und ihn schauen sie mit fröhlichen Augen, wenn sie nach Jahren wiederkehren.
Hochragend steht die Kirche mitten im Dorf, und die Häuser sind um sie gebaut wie Kinder, die sich an die Mutter schmiegen.
Längst sind die Geschlechter ins Grab gesunken, welche unser Gotteshaus erbaut haben, aber die Steine reden von dem, was ihre Seelen erfüllte, und manch sinniger Gedanke derer, die vor uns lebten, wird uns durch Inschrift und Bilderschmuck in unserer Kirche kundgetan.”

Kirche und Turm

Die St.-Georgs-Kirche in Poppenweiler steht – nicht nur sprichwörtlich – noch “mitten im Dorf”. Sie ist das älteste Gebäude dieser stolzen Fast-Metropole (“New York am See”): Ihr Turm geht vermutlich bis auf das Jahr 1305 zurück. 1428 gilt als Geburtsjahr der Kirche, als an den ehemaligen Wehrturm ein Kirchenschiff gleicher Breite angebaut und sie dabei dem Heiligen Sankt Georg geweiht wurde.

Im Jahr 1601 wurde das Kirchenschiff einseitig in Richtung Süden verbreitert – im Norden lag ja der Kirchhof (Friedhof). Die Jahreszahl ist noch heute im Schlussstein des inzwischen zugemauerten Türbogens an der West-Seite der Verbreiterung zu erkennen. Dieses Portal (s. Bild) diente bis 1967 als Hauptzugang in die Kirche. Seither erfolgt der Zutritt durch den Turmeingang.

Durch ihn betreten wir das altehrwürdige Gotteshaus – und finden uns in einem erstaunlich hellen, modernen Innenraum wieder. Er wurde bei der Innenrenovierung 1964-67 so eingerichtet und in den Jahren 2012-2014 grundlegend renoviert.

Die Kirche hat im Lauf ihrer Geschichte unzählige Erneuerungen über sich ergehen lassen. Oft schlug der Blitz in den hohen Turm ein, bis sein Helm nach dem letzten Einschlag (am 6. Juli 1862, ausgerechnet dem Tag der Investitur des neuen Pfarrers Friedrich Lebrecht Martz!) um 5 Meter auf nun 51 m verkürzt wurde. Seither (auch mithilfe des inzwischen angebrachten Blitzableiters) blieb dem Turm dieses Schicksal erspart – hoffentlich auch in weiterer Zukunft!

Die Fresken

Noch ein Zitat von Pfarrer Seeger:

Betreten wir die Kirche durch den Turmeingang, dann erblicken wir gleich rechts die Reste von merkwürdigen Bildern, welche bei Erneuerungsarbeiten im Jahr 1895 unter der Tünche entdeckt wurden. Auf allerlei Tieren reiten geharnischte Gestalten mit Lanzen, immer zwei gegeneinander. Das sind sinnbildliche Darstellungen von Tugenden und Lastern, die sich gegenseitig bekämpfen. Die Tugenden wenden sich der Kirche zu, die Laster von ihr weg. Einige der Darstellungen können nach alten Büchern erklärt werden:

Da reitet die Hoffart (Stolz/Überheblichkeit) auf dem Dromedar, die Demut auf dem Panther, die Unkeuschheit auf dem Bären, die Keuschheit auf dem Einhorn, Neid und Hass auf dem Drachen, die Liebe auf einer Ziege (junger Widder?). Weitere Reiter sitzen auf einem Steinbock, einem Löwen mit Hundskopf und auf einem Hirsch.”

Vermutlich gab es noch weitere Wandbemalungen – so befand sich rechts oberhalb der Treppen ein Gemälde mit der Darstellung vom Tod der Maria. Ein kleines Kind stellte dabei ihre Seele dar, die den Leichnam verlassen hat, und um das Sterbelager waren Gestalten angebracht, die als die 14 Nothelfer angesehen wurden. Auch weitere Bilder, die 1895 entdeckt worden waren, konnten nicht mehr wiederhergestellt werden – z.B. das Bild eines Bäckers, der auf einer Waage Brot wägt. Darunter stand: “Gewogen und zu leicht befunden” – eine Anspielung auf das “Mene Tekel” aus dem Danielbuch (Kapitel 5).

Das Kreuz

Das kupfergefasste Holzkreuz im Chorraum (der Künstler ist leider nicht mehr bekannt) zeigt fünf Bilder: Um das auferstandene Lamm Gottes, erkennbar an seinem Heiligenschein und der Fahne, scharen sich die Vier Gestalten aus Offenbarung 4,6+7 sowie 5,6: Mensch, Löwe, Stier und Adler. Schon früh wurden diese vier Gestalten den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zugeordnet.

Diese Zuordnung erfolgte aufgrund des jeweiligen ersten Kapitels: Matthäus beginnt mit dem Stammbaum Jesu (—> Mensch), Markus in der Wüste (—> Löwe), Lukas mit dem Opfer im Tempel (—> Stier) und Johannes mit dem Wort, das von Gott kommt (—> Adler).

Diese vier Evangelistenbilder sind in vielen Kirchen festgehalten, z.B. in Kanzelbildern, an den Emporen oder an Schlusssteinen im Gewölbe.

Die Walcker-Orgel

Seit 1967 erklingt von der Empore am hinteren Ende des Kirchenschiffs die Orgel, die durch E.F. Walcker & Cie. Ludwigsburg gebaut wurde. Sie besitzt 1460 Pfeifen, auf 18 Register verteilt, welche durch zwei Manuale und ein Pedal zum Klingen gebracht werden. Die größte und damit tiefste Pfeife umfasst 2,60 m Luftsäule, die kleinste und höchste nur etwa 8 mm. Zum Bau der Orgel und ihrer Pfeifen wurden Zinn, Kupfer und Holz verwendet.

Diese “Königin der Instrumente” begleitet nicht nur die Lieder, die im Gottesdienst gesungen werden, sondern steht häufig auch in Konzerten im Mittelpunkt – solo oder als Begleitinstrument. Sie ist sehr gut auf den Raum und seine Akustik eingestellt und füllt diesen aus, ohne dass ihr Klang die Zuhörenden “erschlägt”. So trägt sie auf ihre einzigartige Weise dazu bei, dass die Botschaft von Gottes Menschenfreundlichkeit erklingt und im Singen weitergegeben wird.

Leider macht sich bei der Orgel langsam ihr Alter bemerkbar (Midlife-Krisis?): Immer häufiger bleiben einzelne Töne hängen, und manches Quietschen schreckt die Gemeinde aus ihrer Andacht. Deshalb hat der Kirchengemeinderat im Mai 2018 eine Generalsanierung samt Einbau zweier so genannter “Zungen-Register” beschlossen. Diese wird voraussichtlich Ende 2019 / Anfang 2020 erfolgen.

Die Glocken

In der “Glockenstube”, dem Raum unter dem Turmhelm, hängen vier Glocken. Die jüngste und größte stammt aus dem Jahr 1975 (Betglocke in g'), die zweitgrößte ist von 1951 (Kreuzglocke in h'), die kleinste von 1782 (Taufglocke in e'') und die älteste von 1699 (Zeichenglocke in d''). Zwei noch ältere Glocken waren 1694 von französischen Soldaten geplündert worden – nicht der einzige Glockenverlust in der Geschichte unserer Kirche. Denn sowohl im ersten als auch im zweiten Weltkrieg mussten Glocken zur Waffenproduktion abgeliefert werden – der Neuguss von 1922 ist deshalb nicht mehr erhalten.

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